Der Bausektor steht vor einer massiven Transformation. Weltweit verursacht er etwa 34 % der klimaschädlichen Emissionen, und in Deutschland machen Bau- und Abbruchabfälle über die Hälfte des gesamten Abfallaufkommens aus. Die Lösung liegt auf der Hand: Wir müssen weg von der linearen „Abreißen und Neu-Bauen“-Mentalität hin zur Kreislaufwirtschaft (Circular Economy).
Der „Praktische Leitfaden zur Wiederverwendung von Holz, Ziegel und Stahl“, herausgegeben von Baukultur NRW und Baukreisel e.V. (Juni 2026), übersetzt dieses große theoretische Ziel in konkrete, machbare Prozesse für die kommunale Praxis. Die Erkenntnisse sind überregional wertvoll und bieten auch für Vergabestellen in Brandenburg einen hervorragenden Fahrplan für klimagerechtes Bauen.
Warum Kommunen der Schlüssel zur Bauwende sind
Kommunen planen, genehmigen, beschaffen und verwalten gigantische Gebäudebestände. Sie sitzen an den entscheidenden Hebeln, um zirkuläres Bauen in die Realität umzusetzen. Der Leitfaden betont: Wenn Vergabestellen in ihren Ausschreibungen den Erhalt von Gebäuden oder zumindest die Wiederverwendung (Re-Use) von Bauteilen fordern, entsteht der Markt für zirkuläre Baustoffe fast von selbst.
Wiederverwendung ist dabei dem klassischen Recycling (z.B. dem Schreddern von Beton zu Straßenschotter) ökologisch weit überlegen, da der Wert, die Form und die bereits investierte „graue Energie“ (Embodied Carbon) des Bauteils erhalten bleiben.
Die 3 Fokusmaterialien: Potenziale erkennen und heben
Der Leitfaden konzentriert sich auf die drei Materialien, in denen in einem durchschnittlichen Gebäude fast 80 % der grauen Energie aus Primärtragwerk und Fassade stecken:
1. Ziegel
Ziegel aus der Zeit vor 1950 wurden meist mit kalkgebundenem Mörtel gemauert. Sie lassen sich hervorragend zerstörungsfrei entnehmen, reinigen und als ganze Steine wiederverwenden.
- Ökologischer Hebel: Die Wiederverwendung von Ziegeln spart im Vergleich zur energieintensiven Neuproduktion rund 89 % der $CO_2$-Emissionen.
2. Holz
Holz speichert langfristig Kohlenstoff. Doch wenn Abbruchholz am Ende seiner Lebensdauer einfach verbrannt wird (thermische Verwertung), wird dieses $CO_2$ wieder freigesetzt.
- Ökologischer Hebel: Der selektive Ausbau und die Wiederverwendung von tragenden Holzbalken oder Dielenböden verlängert die Kohlenstoffspeicherung. Besonders Bauteile aus der Zeit vor dem massiven Einsatz toxischer Holzschutzmittel (vor 1950) eignen sich hervorragend für den erneuten Einsatz.
3. Stahl
Die Primärproduktion von Stahl ist enorm ressourcen- und energieintensiv. Zwar ist das Stahl-Recycling (Einschmelzen) etabliert, doch die direkte Wiederverwendung ganzer Stahlträger ist noch effizienter.
- Ökologischer Hebel: Die Wiederverwendung von Stahlprofilen spart über 90 % der $CO_2$-Emissionengegenüber Neustahl ein. Besonders standardisierte Trägerprofile ab den 1970er Jahren lassen sich leicht demontieren, prüfen und direkt wieder als Tragwerk einbauen.
Zirkuläre Vergabe: Wie kommt die Wiederverwendung in die Praxis?
Damit Bauteile gerettet werden können, müssen Vergabestellen konventionelle Abriss-Ausschreibungen anpassen. Der Leitfaden empfiehlt folgende Meilensteine:
- Grundlagenermittlung & Pre-Demolition Audit: Vor dem Rückbau muss systematisch erfasst werden, welche Materialien im Gebäude stecken (z.B. nach DIN SPEC 91484).
- Zieldefinition: Definieren Sie klare Rückbauquoten in der Ausschreibung (z.B. „Mindestens 60 % der Dachziegel sind zerstörungsfrei zur Wiederverwendung zu bergen“).
- Selektiver Rückbau statt Abbruchbruch: Beauftragen Sie ausdrücklich den händischen oder teilmechanischen selektiven Rückbau. Der Bagger mit der Abrissbirne macht eine Wiederverwendung unmöglich.
- Händler & Bauteilbörsen einbinden: Erweitern Sie den Bieterkreis um spezialisierte Händler historischer Baustoffe, die das Material nach dem Ausbau prüfen, rezertifizieren und lagern können.
Leitfaden herunterladen
Der Leitfaden enthält neben ausführlichen Hintergrundinformationen auch konkrete Muster-Textbausteine für Leistungsverzeichnisse, um den selektiven Rückbau rechtssicher und praxisnah auszuschreiben.
Quelle: Baukultur Nordrhein-Westfalen e.V. und Baukreisel e.V., Juni 2026.
